Nachdem Greenpeace mir noch anfangs des Jahres per Mail mitteilte, dass sie sich in die Essgewohnheiten der Menschen nicht einmischen wöllten, da dies eine persönliche Entscheidung sei (aber „grünen Strom“ nutzen, Müll recyceln irgendwie nicht?!), passierte es nun doch: Die aktuelle Ausgabe des Greenpeace Magazins (Juli-August 2010) steht unter dem großen Banner „Essen spezial“. Meine anfänglichen Erwartungen gingen Richtung CO2-Ausstoß bei (Gemüse- und) Burgern und Wasserverschwendung bei Rind“fleisch“produktion. Ein bisschen wurde diese Erwartung auch erfüllt, doch für Greenpeace-Verhältnisse lehnt sich diese Ausgabe ganz schön weit aus dem Fenster – es wimmelt nur so von vegetarischen Zitaten, die das Schlachten verurteilen, es gibt Bilder von einer panisch blickenden Kuh, der gerade ein Bolzenschussgerät an die Stirn gepresst wird oder von drei Schafen, die auf zwei gehäutete und an den Hinterbeinen aufgehängte Artgenoss_innen blicken.
Obwohl die GP-Politik so lange Zeit das Thema Vegetarismus (Veganismus erst recht) tabuisiert – plötzlich brechen sie das Schweigen. Was ist passiert? Ich kann es natürlich nicht sagen, aber mir fallen ein paar Vermutungen ein. Wie kann ein Umweltmagazin, dass so großen Einfluss hat und immer wieder für seine grandiosen (zumindest von GP-Fan_innen) und ehrlichen Berichte gelobt wird, das für den Menschen zentrale Thema Ernährung so konsequent ausblenden? Außer regionale Fische- und Rindermörder_innen näher zu beleuchten, hatten frühere Ausgaben der GP meist nicht viel zu bieten (auch wenn ich natürlich nicht alle kenne). Außerdem schwieg auch die Homepage den Vegetarismus und Veganismus immer tot, stattdessen haben tierverachtende Kampagnen z. B. gegen Genmilch (aber für Kuhmissbrauch und Kälbermord) schon immer einen großen Raum eingenommen. Wenn es also doch mal um Essen ging (obwohl Tiermilch so unökologisch ist!), wurde dieser „Genuss“ lediglich aus der Position der menschlichen Konsument_in beleuchtet.
Doch diese Ausgabe ist anders! Ist sie das? Nun, ich gebe zu, sie ist nicht so tierverachtend, wie ich es von GP erwartet haben. (Das werden sie in der nächsten Ausgabe garantiert wett machen. Ich freue mich schon auf die Leser_innenbriefe, auch wenn wir leider nur einen kleinen Ausschnitt zu sehen bekommen werden. GP verrät seine vor allem nekrophagen Kund_innen!)
Aber kommen wir endlich zum Inhalt. Schon das Cover drängt Tierfolter_innen in eine unangenehme Gedanken-Ecke „Schlachthof: Wie Tiere fühlen“ und „Vegetarier[sic!]: Grün essen boomt“ können wir in schönen Kapitälchen lesen. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass die meisten Leute ab hier schon keine Lust mehr haben, das Heft aufzuschlagen; es erinnert einfach zu stark an die nervigen Hippies in der Fußgängerzone, die einem immer irgendwelche Flyer über „Fleischlos genießen“ oder „Grauen im Schlachthof“ aufschwätzen wollen. Dennoch werden wohl die ein oder anderen einen Blick riskieren – sei es nur, weil sie die GP nun mal abonniert haben und auch was sehen wollen für ihr Geld. Dennoch. Sehr unangenehm. Über Schlachthäuser redet mensch nicht. Auch wenn er_sie sie (ausgiebig) finanziert.
Immerhin 5 der 16 Themen haben direkt mit Veganismus oder zumindest Vegetarismus zu tun. Gleich der erste Artikel „Vegetarier[sic!] Immer mehr Menschen sind fleischlos glücklich“ handelt vom Vegetarismus (achja! ;)), bei dem auch einige Veganer_innen zu Wort kommen. Dann haben die Leute erstmal 42 Seiten lang Ruhe, bevor zwei (äußerst schlechte!) Artikel folgen, einmal „Bodybuilder Tierlieber Weltmeister“ (wir ahnen es, jaa, Alexander Dargatz) und „Veganer Restaurant-Geheimtipp in Leipzig“ (manche ahnen es, jaa, das Zest(1)). Nochmal 10 Seiten Pause, dann kommen wohl die unangenehmsten Artikel dieser Ausgabe: „Schmerz Wie wir Tiere leiden lassen“ und „Tiere essen Aufrüttelnder Bestseller von Jonathan Safran Foer“.
Was gibt es jetzt denn also noch zu meckern? 20 der 80 Seiten beschäftigen sich direkt mit Tierleid und deren Vermeidung (wobei das beim Vegetarismus natürlich nicht korrekt ist), aber Veganer_innen haben wohl immer was zu meckern. So auch ich. Da ich gut erzogen wurde, beginne ich aber mit dem Positiven: Es freut mich, dass GP mal Perspektiven jenseits des „Fleisch“vertilgens beleuchtet hat und dass der Veganismus darunter sogar einen Recht großen Raum einnahm. Dass moralische Beweggründe als Hauptgrund für diesen Lebensstil genannt wurden, freut mich ebenso. Dass blutige Bilder gezeigt werden, freut mich besonders (nicht aus sadistischen Veranlagungen, sondern weil diese Impressionen der Bauernhofidylle gern verschwiegen werden), auch wenn ich gerne eine Auskunft über die Herkunft der Bilder hätte. Es gab sogar auch einen veganen Kochbuchtipp, dafür schieb ich noch ein kleines Lob hinterher.
So, geschafft, nun zum Negativen. Obwohl ständig über Vegetarismus geschwafelt wird, bezweifel ich, dass die Menschen nach dem Lesen der 20 Seiten wirklich schlauer sind, WAS Veggies und Veganis überhaupt essen können. Klar, mit hübschen Bildern von rohem Obst und Gemüse wurden wir wie so oft überschüttet, aber eigentlich ging es hier doch nicht um vegane Rohkost? Das Bild von der salatmampfenden Asketin wurde überhaupt nicht angegriffen, im Gegenteil. Tofu und Seitan werden nur zweimal kurz erwähnt und vegane „Fleisch“- und Milchprodukte überhaupt nicht. Stattdessen ein kurzer Artikel über „Fleisch“ aus Tiermilch, in dem Tofu auch noch deshalb diskreditiert wird, weil es sich eben nicht wie zähe Leiche anfühlt. Hinzu kommt, dass nicht ein einziges Mal erwähnt wird, dass für Veggies auch Tiere gequält und umgebracht werden. Noch schlimmer: Der vegane (!) Besitzer des Zest sagt doch tatsächlich, dass für Tiermilch und Eier keine Tiere umgebracht werden (müssten) und: Eier seien ungeschlüpfte Küken. Ähm, wenn überhaupt sind befruchtete Eier ungeschlüpfte Küken, aber diese kommen in der Eier-Massen“produktion“ so gut wie nicht vor, schließlich werden die männlichen Tiere vergast oder zermust (2) und die weiblichen Tiere können ihre Eier bis heute noch nicht selbst befruchten. Des weiteren passen die Artikel nicht zusammen. Was von den Toleranten sicher als Meinungsvielfalt wahrgenommen wird, sehe ich nur als gängige Strategie von GP: Bloß nicht zu radikal, die Leute werden sich sowieso schon aufregen, wenn „wir“ über Veggies reden. Eine Seite vor veganem Ex-Bodybuilder und Restaurant geht es z. B. um einen englischen Milchbauern, der regional liefert (yeah, das ist schon eher GP-Stil). Immerhin sind sie nicht unehrlich, wenn sie betonen: „So profitieren alle: die Kunden[sic!], die Milchbauern[sic!] und die Umwelt.“ – aber eben nicht die Kühe (das „alle“ ist dann aber doch gelogen.). Oder – noch seltsamer, aber auch gängiger GP-Kurs – es wird sich über das Aussterben von „Nutztier“rassen in Deutschland und anderswo auf der Welt beschwert: Der böse Kapitalismus sorgt dafür, dass ineffiziente Rassen aussterben – dass der böse Kapitalismus Milliarden Tieropfer im Schlachthaus fordert, ist hingegen anscheinend weniger bedenklich. Übrigens sollte wohl allen Menschen klar sein, dass die Ablehnung tierlicher Lebensmittel genau dazu führt: Zum Aussterben der „Nutztiere“. Das einzige Argument, warum dies tragisch sei, ist anscheinend der Verlust der Arten- bzw. konkreter Rassenvielfalt. Nur dass, im Gegensatz zur freien Natur, durch die Vielfalt der „Nutztier“rassen keine Vorteile entstehen, da diese Lebewesen sowieso künstlich erzeugt wurden und keine biologische Funktion erfüllen (3). Weiter fällt auf, dass bis auf ein einziges Mal, niemals von Tierrechten die Rede ist, obwohl die moralischen Beweggründe für Veggies und Veganis in den Vordergrund gestellt wurden. Die einzige Tierrechtlerin (ohne Erklärung, was Tierrechte seien), kommt im letzten Artikel über das Buch „Tiere essen“ vor, in der erwähnt wird, dass sie einem angeschlagenen Küken in einer Tierfabrik die Kehle durchschneidet – kein sehr repräsentatives Bild von Tierrechtler_innen, oder? Tierbefreiung wird natürlich überhaupt nicht erwähnt. Der „Tu-Was-Tipp“ dieser Ausgabe ist übrigens jeden Sonntag Biofleisch zu essen und dafür die restlichen Tage vegetarisch – dann schmeckt’s auch gleich viel besser. Und zu guter letzt – wie könnte es auch anders sein! – gibt es zahllose Beispiele speziesistischer Sprache, z. B. „vier Stück Vieh“, „zukünftiges Schnitzel“ usw.
Um endlich einen Abschluss zu finden: Meiner Meinung nach ist der einzige lesbare Artikel „Schmerz Wie wir Tiere leiden lassen“ bzw. auf Seite 68 heißt er dann „Wie Tiere fühlen“. Kritisch ist hier jedoch, dass eine vollkommen unreflektierte Beweisführung tierlichen Schmerzempfindens durch grausame Tierversuche dargestellt wird, während die eigentliche Problematik, dieses Wissen durch Quälerei zu gewinnen, überhaupt nicht angegriffen wird.
Fazit: GP bleibt eben GP. Wer sich über Tierrechte bzw. Tierbefreiung informieren möchte oder andere darüber informieren möchte, ist dort eben eindeutig an der falschen Adresse. Die aktuelle Ausgabe hat wohl maximal dazu geführt, dass die Akzeptanz von Veggies leicht gestiegen ist, aber nicht, dass es die Leser_innenschaft gelüstet, selbst der Tierquälerei zu entsagen.
(Für Gegenbeweise bin ich natürlich dankbar!)
(1) Wobei das Zest nicht wirklich als (rein) vegan gelten kann, da selbst im Artikel davon die Rede ist, dass sie auf Wunsch den Gästen Tiermilch und Parmesan aushändigen.
(2) In ökologischer „Haltung“ werden die männlichen Tiere auch meist als Babies umgebracht, denn für die „Fleischproduktion“ gibt es spezielle Züchtungen.
(3) Ich weise darauf hin, dass für mich die biologische Funktion eines Tieres nicht entscheidend ist, sie ist es aber für Artenschützer_innen, ohne dabei auf die individuellen Bedürfnisse der Tiere zu achten.