veganis, die tiere halten. heuchelei oder moralische verpflichtung.

Bedeutet die Ablehnung der Tierhaltung, dass Veganer_innen keine Tiere halten sollten? Einige würden diese Frage sicher auf den ersten Blick mit „ja“ beantworten. Jedoch ist dies unter konsequenter Einhaltung des Tierbefreiungsgedankens nicht korrekt. Wenn es die Tierzucht nicht gäbe oder wenn es keine Wildtiere gäbe, denen gegenüber wir zur Hilfeleistung moralisch verpflichtet sind, wäre es sicher korrekt. Aber dem ist nicht so. Durch die Tierzucht wurden viele Tierarten in die Situation versetzt, nie wieder oder nur schwer ohne menschliche Hilfe auskommen zu können. Dies bedeutet, dass die konsequente Weigerung, ein hilfebedürftiges Tier aufzunehmen, dessen (unnötig frühzeitigen) Tod besiegelt. Einzig korrekt ist eine leichte Abwandlung des oben genannten Satzes: Die Ablehnung der Tierzucht und Tiernutzung bedeutet, dass Veganer_innen keine Tiere züchten, nutzen und derartige Praktiken fördern sollten. Es lässt sich also ganz leicht erkennen, dass eine reitende Veganerin gegen die Rechte der Tiere verstößt, da sie ein Pferd aus Eigeninteresse nutzt (ausbeutet), dass eine Veganerin, die ein Pferd aufnimmt und so gut wie möglich versorgt, nicht gegen die Rechte der Tiere verstößt, da sie das Tier nicht nutzt, sondern lediglich hält und versorgt, weil es (nicht mehr) frei leben kann. (Unter der Voraussetzung, dass das Tier keinen unwürdigen Bedingungen ausgesetzt wird.) Werden Tiere selbstlos (ohne Eigeninteresse) versorgt, also weder genutzt noch absichtlich oder fahrlässig gezüchtet, so widerspricht dies nicht dem TB-Gedanken – im Gegenteil. Damit erfüllt die entsprechende Person nur ihre moralische Verpflichtung anderen Spezies gegenüber. Dass diese Pflege den Bedürfnissen der Tiere niemals komplett gerecht werden kann, ist nicht die Schuld der pflegenden Veganerin, sondern die Schuld der Menschen, die Tiere züchten und die Zucht fördern. Erst dadurch wird die Welt mit Tieren überschwemmt, um die sich irgendwer kümmern muss oder die einem vorzeitigen Tod überlassen werden müssen. Hobbyzucht (unter humanen Bedingungen) ist also moralisch genau so verwerflich wie die kommerzielle Zucht von Tieren, obwohl jene Hobbyzüchter_innen immer wieder betonen, wie sehr sie die Tiere lieben und dass sie ihnen ja nie schaden wollen würden. Aber diese Phrase muss sich immer als unwahr herausstellen. Zum einen muss beachtet werden, dass Tierliebe ein normales speziesistisches Phänomen ist und keineswegs mit dem Speziesimus in Konflikt steht. Des weiteren sind die Pflegekapazitäten der Menschen immer begrenzt, das bedeutet, dass es nicht nur enscheidend ist, dass von einer Art nicht zu viele Tiere produziert werden, sondern dass von allen Arten nicht zu viele produziert werden. (Unter moralischen Aspekten sollten natürlich, wie bereits gesagt, gar keine Tiere produziert werden. Auch nicht aus Artenschutzgründen.) Wenn also eine Person beispielsweise Dalmatiner züchtet und mit allen anderen Züchter_innen in Kontakt stünde und diese Gruppe von Züchter_innen niemals mehr als 50 Welpen produzieren würden – was würde das helfen, wenn der Markt bereits mit Millionen Welpen anderer Rassen überschwemmt ist, für die es gar keinen Platz in freundlichen Zuhausen gibt? Genau dies ist nämlich der Fall. Die Menschen produzieren derartig viele Tiere, weil sie egoistisch handeln (Geldinteresse, emotionale Gründe) und das Problem der Tierzucht nicht global betrachten. Obwohl fast alle Menschen wissen, dass die Tierheime überfüllt sind, Millionen von Tieren auf der Straße hocken, verhungern, ein unwürdiges Leben führen oder umgebracht werden, hindert es sie nicht daran, genau in diesem Augenblick, wo diese Tiere ihr schlimmstes Schicksal durchleben müssen, weitere unglückliche Tiere zu produzieren, die entweder eine Abnehmerin finden und damit ein anderes Tier zur Obdachlosigkeit oder dem Tod verurteilen oder sie selbst das Schicksal dieses anderen Tieres ereilt. (Dies ist übrigens ähnlich der Zucht menschlicher Wesen – Wie können moralische Menschen Kinder in die Welt setzten, solange es noch Hunderttausende gibt, die in Heimen ohne ein liebevolles Zuhause groß werden müssen?)
Veganer_innen können und sollten diese Probleme nicht ignorieren. Wer die Tierhaltung so konsequent ablehnt, dass er oder sie sich weigert, einem Tier in Not zu helfen, sollte sich ernsthaft fragen, inwieweit sein oder ihr Veganismus noch dem Wohle der Tiere dient. Es ist nicht nur eine Option, sondern unsere moralische Verpflichtung (eine unter vielen), so viele pflegebedürftige Tiere wie möglich aufzunehmen und zu versorgen. Wer selbst dazu nicht in der Lage ist, sollte zumindest andere vertrauenswürdige Personen und Gruppen (Lebenshöfe) darin unterstützen, Tieren ein Obdach zu geben. Wie kann ein Mensch sich über Euthanasiezahlen von Tierheimen und ausgesetze Tiere beschweren, aber selbst nichts dazu leisten, diesen Tieren zu helfen, obwohl er oder sie es doch könnte?

In diesem Sinne: adoptiert pflegebedürftige Tiere oder unterstützt andere, die es tun. Dies ist kein Zeichen eines heuchlerischen, sondern eines konsequenten Veganismus!

Empfehlenswerte Artikel zum Thema:
Ist jede Kampagne eine Einzel-Thema-Kampange? (single issue campaign)
Die Wichtigkeit von Adoption