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„fickt“ die „bullen“ – und andere sexistisch/homophobe parolen

Auch in linken Kreisen ist es weit verbreitet, das Wort „Ficken“ zur Abwertung und Erniedrigung anderer zu benutzen. Ein gängiges Beispiel ist „Fickt die Bullen“ (sexistisch und speziesistisch). Ich möchte mich dazu äußern, weil ich es mit Schaudern erlebe, wie die ach so gendersensiblen Menschen (von der normalen sexistischen Bevölkerung fange ich gar nicht erst an) eine Sprache benutzen, die sexuelle Gewalt verharmlost und verherrlicht.
Warum wird Ficken zur Abwertung und Erniedrigung anderer verwendet? Was hat Sexualität mit Gewalt und Scham zu tun? Die Antwort kann nur lauten, dass Fickt die Bullen deshalb als Parole verwendet wird, weil Ficken als Synonym für Gewaltausübung (psychisch und physisch) gegen die Polizei fungiert. Neben der sexistischen Ebene (da sexuelle Gewalt vor allem Frauen widerfährt), drängt sich auch noch der homophobe Aspekt auf: Der aktive Part (zu ficken) beim Verkehr wird fast nie als entwürdigend hingestellt, während der passive Part (gefickt werden) als Opfer, Schwächling, Schwuler, Mädchen gilt. Aktiv heißt Macht und Gewalt ausüben, Passiv heißt, Macht- und Gewaltausübung erdulden zu müssen.
Ein anschauliches Beispiel dafür ist auch MaKks Damage*, der in seinem Lied „Antideutsche Hurensöhne“ (natürlich ist allein der Titel sexistisch), davon redet, er sei nicht homophob, weil er weibliche wie männliche Antideutsche gleichermaßen ficken würde und sie ihm auch gerne einen blasen dürften. Was wäre aber, wenn er in diesem Lied für den passiven statt den aktiven Part eintreten würde? Würde er sich immer noch so mächtig vorkommen, wenn er statt andere zu ficken, sich für das Gefickt-Werden anbieten würde? Oder wenn er anderen einen blasen wollen würde? Wäre das dann nicht doch etwas zu schwul für den schwulenfreundlichen MaKks? Ich denke, die Antwort liegt auf der Hand.
Nochmal zur Parole. Sicher wäre die Parole ethisch betrachtet kaum erfreulicher, wenn sie andere Gewalthandlungen gegen die Polizei (nicht Bullen) beschönigte. Gewalt hat viele Facetten und jegliche Gewalt hat einen unmoralischen Aspekt. Ich will weder zur sexuellen noch zur sonst wie gearteten Gewalt gegen Menschen aufrufen.
Ich möchte mit diesem kurzen Beitrag meine Leser_Innen nur dafür sensibilisieren, Sexualität nicht mit Gewalt gleichzusetzen und auch in der Sprache darauf zu achten, dass sexuelle Gewalt weder als lustig, noch gerecht oder erstrebenswert dargestellt wird.

Für eine Welt, in der Sexualität nicht mehr mit Gewalt und Machtausübung assoziiert wird! Sexualität soll Freude und Genuss (für alle Beteiligten) verkörpern.
Eure veganfeminist.

P.S.: Selbstverständlich lässt sich „Antideutsche Hurensöhne“ nicht nur aus antihomophoben und antisexistischen Gründen kritisieren.
P.P.S.: Ich wurde selbst Opfer von Polizeigewalt und kann die Wut auf die Polizei gut nachvollziehen. Aber Hass ist niemals produktiv. Sucht Euch ein anderes Ventil.

* Ich weiß, dass M. D. nicht als repräsentativ für linke Kreise gelten kann, dennoch hat er scheinbar eine regen Anhängerschaft und die hier angesprochenen Inhalte seiner Lieder finden auch immer wieder in anderen Kontexten Verwendung.

die anti/sexistische tierbefreiungsbewegung ?!

Auf der meist vergeblichen Suche nach feministischen Veganer_innen und veganen Feminist_innen bin ich einige Male auf den Vorwurf gestoßen, dass die betreffenden Feministinnen lieber unter speziesistischen Feministinnen als unter sexistischen Antispeziesist_innen sind. Mal davon abgesehen, dass ich schockiert war, persönliche Interessen vor das Leiden der über 56 Milliarden Mordopfer* im Jahr zu stellen und mich die Verharmlosung des Speziesismus zutiefst anwidert, frage ich mich immer wieder, inwieweit dieser Vorwurf wirklich stimmt. Im Gegensatz zum konventionellen Tierschutz ist die Tierbefreiungsbewegung in ihrer geistigen Entwicklung sehr fortschrittlich und befasst sich nicht ausschließlich mit NMT**, sondern sehr wohl auch mit anderen sozialen Gruppen, die Diskriminierung, Unterdrückung und Gewalt ausgesetzt sind. Während sich manchmal in der Tierbefreiung (Zeitschrift, die teils auch kontroverse Ansichten veröffentlicht) darüber beschwert wird, dass die Tierbefreiungsbewegung sich als linke Bewegung gibt, finde ich dies weniger empörend, da es eine wünschenswerte und sinnvolle Kombination ist, menschliche und nichtmenschliche Interessen gleichermaßen zu berücksichtigen und Gerechtigkeit für alle einzufordern.

Doch ich weiche etwas vom Thema ab. Wie gesagt, es hat mich sehr beschäftigt, inwieweit die Tierbefreiungsbewegung sexistisch ist. Ich sage damit nicht, dass es keinen Sexismus bei Tierbefreier_Innen gibt, den gibt es hier wie überall sonst, denn auch Tierbefreier_Innen sind Teil der sexistischen Gesellschaft. Jedoch halte ich es für übertrieben, zu behaupten, dass sich damit nicht auseinander gesetzt würde oder dass die Tierbefreiungsbewegung sogar besonders sexistisch sei. Es stimmt, dass es Tierrechtler_Innen gibt, die nach dem Motto „Alles für die Tiere“, auch Diskriminierungen von Menschen in Kauf nehmen, wenn es nur der Verbreitung ihrer Ideen dient. Doch sehe ich diese Menschen eher beim konventionellen Tierschutz angesiedelt. Beobachtet werden kann es beispielsweise daran, dass vor allem Organisationen und Gruppen, die dem konventionellen Tierschutz zugeordnet werden können, durch Sexismus und Menschendiskriminierung auffallen, wie PeTA und die Tierschutzpartei.
Die Tierbefreiung würde jedenfalls sehr sicher Artikel veröffentlichen, die sich kritisch zu Sexismus in der Bewegung äußern, so wie sie es auch bereits taten. Und auf dem diesjährigen Tierbefreiungskongress gab es ebenfalls antisexistische Workshops. („Ansätze der Tierrechts- und Tierbefreiungstheorie. Moralphilosophie, Sozialkonstruktivismus, Linguistik und Feminismus/Gender Studies“ und „(Anti-)Sexismus-Workshop“ und „Definitionsmacht und antisexistische Praxen“)

Es ist nicht die Heiligsprechung, aber immerhin ein Anfang. Und wenn niemand das Thema in die Bewegung trägt, kann es auch nicht diskutiert und aufgeschlüsselt werden. Es braucht viele Stimmen, um etwas zu bewegen und statt sich zurückzuziehen, könnte auch gemeinsam der Schritt nach vorne gewagt werden. Das mag nicht immer einfach sein, aber egal, für welchen Fortschritt in der Gesellschaft wir uns einsetzen, wir alle mussten und müssen die Erfahrung machen, dass es nicht einfach ist – und genau deshalb umso wichtiger.

Ich möchte also alle Antisexist_Innen ermutigen, sich weiter oder neu für NMT zu engagieren und wenn Ihr nichts findet, was Euch zusagt… Stellt doch einfach ein neues Projekt auf die Beine! Es gibt über 56 Milliarden Gründe, dies zu tun.

Wenn nicht wir, wer dann?

* Zahl der Tiere, die jährlich als sog. „Nutztiere“ für den menschlichen Konsum sterben (ohne Meereslebewesen)
** Nichtmenschliche Tiere